Anna Reeße

Hier spricht Anna, 

mein Name war Anna Reeße, geb. Maake, wie es im Kirchenverzeichnis von Koserow steht ; ich war Joachim Reeßes Eheweib; und lebte in Zempin mit nur 4 weiteren Familien, aber hier in Mölschow wurde ich im August 1668 verbrannt, so ist es in der Kirchenchronik von Koserow zu lesen. Sogar ein Pfarrer nahm mein Schicksal zum Anlass, um daraus einen Roman zu machen „Die Bernsteinhexe“, allerdings hat dieser überhaupt nichts mit der Historie zutun. Ich erzähle euch, wie es wirklich war. Warum, fragt ihr euch?

In dieser Frühen Neuzeit gab es viele Widersprüche, welche sich durch den aktuellen Wissensstand und aufkeimende Aufklärungsbewegung auftaten. Aber leider wurden sie unter Magie- und Schadenszauber verortet und konnten dank der bestehenden „Peinlichen Halsgerichtsverordnung“ von Kaiser KarlV. (1500-1558) mit dem Tode bestraft werden. Was hatte das mit einer einfachen Frau wie mir zu tun, werdet ihr euch fragen…Ich war nur eine arme Frau, verrichtete mein Tagwerk und arbeitete schwer, wie alle anderen für das tägliche Brot. Aber ich hatte eine besondere Gabe – die Kenntnisse der Kräuterkunde. In den schönen Sommermonaten führten mich meine Wege vom Zempiner Achterwasser in Richtung Meer in die Sumpfgebiete, um all das zu sammeln, was bei Erkrankungen helfen konnte, Heilkräuter.  Straßen, wie bei euch heute gab es keine.

Dort, wo ich damals lief und sammelte, gibt es heute eine Straßenbezeichnung „Zur Hexenheide“ . Mit all den Kräutlein, die ich damals dort fand, konnte man viel Gutes bewirken und die Nachbarn dankten es von Herzen, wenn ich Schmerzen lindern konnte. Aber dann kam die Verleumdung ins Spiel, und des wegen kam ich nach Mölschow und fand dort den Tod. Warum in Mölschow? Alles, was vor der Reformation zu den Besitztümern des Klosters Krummin gehörte, ging danach in die die Hände der Schwedischen Krone über, und die Königin Christina von Schweden übereignete den gesamten Landbesitz von Pudagla bis Wolgast an den Adligen von Wrangel als Lehen. Dazu gehörte auch Lütow. Der dortige Ritter Lepel hatte zwei erwachsene Töchter, die erkrankt waren, aber die ansässige Kräuterfrau „Marie Zimdal, Peter Dortigmarke Witwe“ , war wohl nicht erfolgreich mit ihrer Behandlung und der wütende Vater suchte einen Schuldigen. So wurde ich In den Verhören folgendermaßen denunziert, „… Anna Reeße hat ihnen den Teufel in den Leib gehext…“. Das schrieb dann der Adlige Lepel am 5. Mai 1668 an die Juristenfakultät in Greifswald,„…dass die Reeßische die Schuldige sei und verhört werden müsse.“ Ich wurde abgeholt, „…am 10 p Trinitatis(26.Juli1668) wurde die Reesesche, der Zauberei halber, von Zempin nach Mölschow geholet…“Unschuldsbeteuerungen verstummten sehr schnell, denn die bekannten Folterinstrumente waren vorhanden auf einer Gerichtsstätte, die über Jahrhundert wohl in Mölschow verankert war ; und die Gerichtsherren bedienten sich ihrer eifrig, wenn ein reicher Gutsherr einen Schuldigen verlangte. Obwohl ich mit diesen adligen Landfräuleins nichts zu tun hatte, griff diese perfide Maschinerie aus Denunziation, Macht und Unwissenheit, um mich am 8. August bei lebendigem Leib in Mölschow zu verbrennen. Was mir alles Schreckliches widerfuhr , will ich euch nicht erzählen, nur von diesem, meinem letzten Tag im August, ich weiß noch von dem hohen blauen Himmel über der Richtstätte und den Wolken, die darüber hinwegflogen; die Gaffer habe ich vergessen. Wenn dieser Himmel gerade jetzt so über EUCH steht, dann mahnt er, nicht zu vergessen, was Menschen einander antun können, um selbst gut weiter zu leben.

Eure Anna Reeße aus Zempin.